Geschlechtsidentitäten


Geschlechtsidentität: 

Wird häufig als Synonym für Geschlechtsbewusstsein genutzt, geht aber weit darüber hinaus.

Die Geschlechtsidentität umfasst auch die persönliche Lebensgeschichte und die Erfahrungen, die aufgrund der eigenen Geschlechtlichkeit gemacht wurden. Ebenso prägt der persönliche Blick auf Geschlecht als Konstrukt die eigene Geschlechtsidentität.

Geschlechtsbewusstsein: 

Das Wissen um das eigene Geschlecht. Dieses ist unabhängig von den körperlichen Merkmalen.

Sexus: 

Sex (lat. sexus) bezeichnet einzig den Körper mit seinen sichtbaren Ausprägungen der primären und sekundären Geschlechtsmerkmale.

Er hat NICHTS mit der sexuellen Orientierung zu tun.

Unsere Kultur wird von drei Fehlannahmen geprägt:

  1. Es sei wissenschaftlich möglich, das Geschlecht eines jeden Menschen durch Betrachtung der Genitalien und medizinische Untersuchungen zu bestimmen.
  2. Es würden ausschließlich zwei Geschlechter („weiblich“ und „männlich“) existieren.
  3. Es läge im Interesse jedes Menschen, einem der beiden binären Geschlechter „weiblich“ oder „männlich“ bzw. einer der traditionellen Geschlechterrollen „Frau“ bzw. „Mann“ anzugehören.

LSBTTIQA* / LGBTIQA*

Die Buchstaben L, S(G), B, Q und A stehen für:

„lesbisch“, „schwul/gay“, „bisexuell“, „queer“ und „asexuell“.

Die Buchstaben T, T, I und * beziehen sich auf die

verschiedenen Geschlechter. 

Queer ist eine Sammelbezeichnung für alle sexuellen Orientierungen, Geschlechter, Beziehungs- und Familienkonstellationen, die sich einer Definition entziehen oder eine Definition als Fremdzuweisung bzw. Eigenbeschreibung ablehnen.

Kurz: Ich bin, wie ich bin. UND DAS IST QUEER!



 

(C)AFAB / (C)AMAB / DFAB / DMAB

 

ASEXUALITÄT (ACE)


AFAB/AFAM steht für „Assigned Female At Birth“/“Assigned Male At Birth“, was übersetzt „nach der Geburt weiblich zugewiesen“ / “nach der Geburt männlich zugewiesen“ bedeutet. Diese Zuweisung basiert allein auf Betrachtung der äußeren Genitalien und wird in der Geburtsurkunde festgehalten. Die betroffene Person kann nicht selbst Auskunft über ihr Geschlecht geben, sondern das Geschlecht wird ihr von den Ärzt*innen zugewiesen.

Synonym zu AFAB/AMAB können DFAB/DMAB verwendet werden. DFAB/DMAB steht für „Designated Female At Birth“ / “Designated Male At Birth“ und bedeutet so viel wie „bei der Geburt als weiblich/männlich bestimmt“. Die Abkürzungen werden oft von trans* Menschen verwendet, um darauf aufmerksam zu machen, dass ihnen bei der Geburt ein falsches Geschlecht zugewiesen wurde.

CAFAB/CAMAB steht für „Coercively Assigned Female At Birth“/“Coercively Assigned Male At Birth“. Der Zusatz „coercively“ beschreibt die  b zu einem Geschlecht nach der Geburt. Dieser Begriff wird häufig von inter* Menschen verwendet und bezieht sich auf die chirurgischen Zwangsnormierung der Genitalien (genitalzwangszuweisende Operationen), wenn sich diese nicht eindeutig in die binären Kategorien „männlich“ oder weiblich“ einordnen lassen. Es gibt auch trans* Personen, die diese Bezeichnung verwenden, um auszudrücken, dass ihnen bei der Geburt gewaltsam ein falsches Geschlecht aufgezwungen wurde.

 

Als asexuell (ace) werden Menschen bezeichnet, die keine sexuelle Anziehung gegenüber anderen Personen verspüren.
Sexuelles Verlangen kann jedoch vorhanden sein (Selbstbefriedigung). Auch körperlicher Kontakt (z.B. Kuscheln, Küsse) ist nicht ausgeschlossen, hat jedoch keine sexuelle Bedeutung.

Asexuelle müssen nicht automatisch aromantisch sein, d.h. sie können sehr wohl in einer romantischen Beziehung leben, allerdings ohne sexuelles Verlangen.

Neben der Schreibweise „asexuell“ wird manchmal auch die Schreibweise „a_sexuell“ genutzt um zu zeigen, dass A_sexualität ein Spektrum mit vielen verschiedenen Abstufungen ist (gray-as / grey-ace).

Kurz:

Asexuelle haben kein Verlangen nach Sex mit anderen Menschen.

 


 

HETERONORMATIVITÄT

Unsere Gesellschaft ist stark heteronormativ geprägt. Eine heteronormative Weltanschauung stellt Heterosexualität als soziale Norm und einzige „normale“ sexuelle Orientierung dar.

Grundsätzlich gelten Menschen als heterosexuell und cisgeschlechtlich, bis sie sich als nicht-heterosexuell und/oder nicht-cisgeschlechtlich outen. Dieses Coming-Out ist in einer heteronormativen Gesellschaft notwendig, um die eigene Orientierung und/oder das eigene Geschlechtsbewusstsein sichtbar zu machen. Allerdings ist ein Coming-Out in diesem Rahmen häufig mit Angst vor sozialen Konsequenzen und der Sorge verbunden, der gesellschaftlichen Erwartungshaltung nicht zu entsprechen.

Eine gravierende Folge dieser Heteronormativität ist LSBTTIQ*-Feindlichkeit. Queere Menschen werden von einer heteronormativen Gesellschaft oft marginalisiert, diskriminiert und verfolgt. Ihre sexuellen Orientierungen gelten als Abweichungen von der Norm. Außerdem leiden viele (nicht-binäre) trans* bzw. intergeschlechtliche Menschen stark unter der heteronormativen Unterteilung in nur zwei Geschlechter, männlich und weiblich. Diese binäre Einteilung ist notwendig, um Heterosexualität überhaupt eine Aussagekraft zu verleihen. Denn gibt es mehr als zwei Geschlechter, verliert Heterosexualität (=sexuelle Anziehung zum „anderen“ Geschlecht) seine Aussagekraft.

Die Geschlechter werden anhand der Genitalien nach der Geburt zugewiesen. Heteronormativität basiert auf der Annahme, dass sich aus dem nach der Geburt zugewiesenen Geschlecht das Geschlechtsbewusstsein und die sexuelle Orientierung einer Person ableiten lassen. Personen, denen nach der Geburt „männlich“ zugewiesenen wurde, haben auch ein „männliches“ Geschlechtsbewusstsein und fühlen sich ausschließlich zu weiblichen Personen hingezogen – und umgekehrt.

Zusätzlich hält Heteronormativität an traditionellen Geschlechterrollen fest. Das bedeutet, es gibt klare Vorstellungen, wie sich Frauen und Männer verhalten sollten. „Feminin“ wäre es nach dieser Auffassung beispielsweise, ein Kleid oder Make-Up zu tragen sowie sehr fürsorglich zu sein. Dieses Verhalten ist allerdings nur für Frauen sozial akzeptabel. Typisch „maskulin“ wäre es hingegen, keine Emotionen zu zeigen, einen Bart zu tragen oder dominant zu sein.

Heteronormativität schadet nicht nur queeren Menschen. Traditionelle, heteronormative Geschlechterrollen schränken alle ein. Sie schreiben vor, wie sich Menschen entsprechend ihrer Geschlechter zu verhalten haben und lassen wenig Spielraum, die eigene Persönlichkeit frei auszuleben.

 

 

DIE DRITTE OPTION

Neben den zwei Geschlechtsoptionen „männlich“ und „weiblich“ besteht seit einer Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts aus dem Jahr 2018 die Möglichkeit, das Geschlecht als „divers“ eintragen zu lassen. Diese dritte Option soll intergeschlechtlichen Personen einen positiven Geschlechtseintrag ermöglichen.

Der Geschlechtseintrag „divers“ kann ausschließlich von intergeschlechtlichen Personen in Anspruch genommen werden, die sich einer Begutachtung durch Mediziner*innen unterziehen. Das bedeutet, intergeschlechtliche Menschen können weiterhin ihren Geschlechtseintrag nicht selbst bestimmen. Sie sind von einer Fremdzuweisung durch Mediziner*innen abhängig.

Bei der momentanen Gesetzeslage zum Dritten Geschlechtseintrag handelt es sich um eine absolute Minimallösung. Das Thema muss dringend weiterbearbeitet werden, um die Fremdzuweisung durch Mediziner*innen zu stoppen und intergeschlechtlichen Personen Selbstbestimmung zu ermöglichen. Außerdem sollte der Geschlechtseintrag „divers“ auch nicht-binären Menschen zur Verfügung stehen.

ACHTUNG: Die Dritte Option ist ausschließlich eine Eintragsoption im Personenstand und KEIN drittes Geschlecht!

 

 

FTM / MTF / MTM / FTF

FTM steht für „female-to-male“ (weiblich-zu-männlich). Die Abkürzung wird manchmal für Personen verwendet, denen das Geschlecht weiblich zugewiesen wurde, obwohl sie männlich sind. MTF steht für male-to-female (männlich-zu-weiblich). Die Abkürzung wird manchmal für Personen verwendet, denen das Geschlecht männlich zugewiesen wurde, obwohl sie weiblich sind.

Die Abkürzungen FTM / MTF legen den Fokus auf eine Transition „von einem Geschlecht zum anderen“. Für viele trans* und nicht-binäre Menschen treffen diese Begriffe jedoch nicht auf ihr Geschlechtsbewusstsein zu. Sie „wechseln“ nicht von einem Geschlecht zu einem anderen, weshalb diese Abkürzungen irreführend sind. Diese Menschen waren schon immer dem Geschlecht zugehörig, welches ihrem Geschlechtsbewusstsein entspricht. Ihnen wurde nach der Geburt jedoch ein falsches oder sie nicht vollständig beschreibendes Geschlecht zugewiesen. Die Abkürzungen werden vor allem im medizinischen und rechtlichen Bereich verwendet.

FTF steht für „female-to-female” (weiblich-zu-weiblich). Die Abkürzung wird manchmal von trans* Frauen verwendet, die ablehnen, dass sie je männlich gewesen sein sollen. MTM steht für „male-to-male“ (männlich-zu-männlich). Die Abkürzung wird manchmal von trans* Männern (MTM) verwendet, die ablehnen, dass sie je weiblich gewesen sein sollen.


 

QUEER

Queer bedeutet so viel wie „keine Schublade“ und steht für die Abweichung von der heterosexuellen und cisgeschlechtlichen gesellschaftlichen Norm.

Im Englischen galt queer lange Zeit als homofeindliches Schimpfwort. Indem sich homosexuelle Menschen selbst als queer bezeichneten, verlor es jedoch mehr und mehr seine negative Bedeutung (= „Reclaiming„). Heute sieht ein Großteil der LSBTTIQ* Community den Begriff als zurückerobert an. Allerdings gibt es noch immer Menschen, welche den Begriff queer aufgrund seiner Geschichte ablehnen.

Als Sammelbegriff umfasst queer alle Untergruppen der LSBTTIQ* Community, ohne einzelne hervorzuheben, auszuschließen oder zu labeln. Diese Verwendung von queer wird jedoch teilweise kritisiert, denn die Sichtbarkeit einzelner Gruppen innerhalb der Community könnte dadurch abnehmen.

Als Selbstbezeichnung wird queer häufig von Menschen verwendet, die ihr Geschlecht oder ihre Orientierung keiner bestimmten Kategorie zuordnen wollen.

Außerdem gibt es eine interdisziplinäre kulturwissenschaftliche Forschungsrichtung, die sich „Queer Studies“ nennt. Dieser Wissenschaftszweig befasst sich mit Sexualität, sexueller Orientierung und Geschlecht und legt dabei einen Fokus auf LSBTTIQ* Themen.

 

GENDERQUEER

Der Begriff „queer“ sagt vor allem: „Keine Schublade!“. Genderqueere Personen lehnen eine Einordnung in Geschlechtsschubladen ab. Sie sind nicht ausschließlich männlich und auch nicht ausschließlich weiblich. Die normierten Begriffe passen einfach nicht. „Genderqueer“ als Überbegriff beschreibt zudem alle Personen die sich der Binär- und Cisnormativität entziehen.

 

INTERGESCHLECHTLICHKEIT

Lässt sich ein Mensch anhand seiner körperlichen Merkmale (insbesondere der Genitalien), der Chromosomen oder der Hormonproduktion nicht eindeutig der medizinischen-gesellschaftlichen Norm von „männlich“ oder „weiblich“ zuordnen, sind seine körperlichen Merkmale also (aus mehrheitsgesellschaftlicher Sicht) mehr- oder uneindeutig, wird von Intergeschlechtlichkeit oder Inter* gesprochen.

Noch heute werden in Deutschland etwa 1.700 genitalzwangszuweisende Operationen pro Jahr an inter* Menschen im Kleinstkindsalter durchgeführt, obwohl es sich hierbei um eine klare Menschenrechtsverletzung handelt. Bei diesen Eingriffen werden die Genitalien von inter* Menschen in der Regel gewaltsam an ein „weibliches“ Genital angeglichen.

Da hier nicht das Kind im Mittelpunkt steht, sondern die gesellschaftliche Erwartungshaltung, werden diese Eingriffe auch „normierende“ Operationen genannt.

Seit Anfang 2019 können intergeschlechtliche Personen ihren Personenstand als „divers“ (Die Dritte Option) eintragen lassen. Hierfür ist aber derzeit noch immer eine übergriffige Begutachtung durch Mediziner*innen, also eine fremdbestimmte Diagnose notwendig.

Der Begriff inter* umfasst als Überbegriff Selbstbezeichnungen wie intersex, intergender, intersexuell oder intergeschlechtlich.

 

PANSEXUALITÄT

Für pansexuelle Menschen spielt das Geschlecht einer Person keine Rolle. Sexualität kann mit allen Menschen unabhängig von deren Geschlecht gelebt werden. Dieses Zurücktreten des Geschlechts unterscheidet Pansexualität von Bi+sexualität und anderen polysexuellen (auf mehr als ein Geschlecht bezogenen) Orientierungen, da bei diesen zwar mehrere oder alle Geschlechter als sexuelle anziehend empfunden werden, dem Geschlecht jedoch ein Bedeutung zukommt.